Der ungeliebte Rundfunk

Keiner schaut mehr ARD und ZDF. Die Stimmen im Deutschlandfunk bleiben ungehört. Deshalb gehört der Rundfunk abgeschafft. Tatsächlich? Die Öffentlich-Rechtlichen sind besser als ihr Ruf. Eine Sichtweise, die heute die wenigsten hören wollen.

18,36 € monatlich

Der Rundfunkbeitrag beträgt derzeit 18,36 Euro. Viel zu hoch, finden die meisten – auch ich. Schließlich muß man für eine private Streaming-Plattform monatlich auch nicht so viel zahlen.

Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist weit mehr als eine Mediathek. Rundfunkbeitrag bedeutet, der Tagesschau auf Instagram folgen zu können, im Auto den Deutschlandfunk aufzudrehen, mit dem Kleinsten das Sandmännchen schauen oder das Arte-Magazin lesen.

Lesen, hören, sehen: Der Rundfunk in Deutschland bietet ein Angebot für alle Sinne. Sie können ihn sogar schmecken. Vincent Klink ist im Fernsehen gefühlsmäßig häufiger zu treffen als in seiner Wielandshöhe. Und durch einen kritischen Brief können Sie sich beim Zuschauerservice beschweren. Schlussendlich gehört Öffentlich-Rechtlichen uns allen. Aber es wird vor allem über den Rundfunk geredet, hinter oder vor seinem Rücken. Meist geht das in eine falsche Richtung.

SWR-Studio in Baden-Baden.

Kein Mißbrauch dem Rundfunk

Rechtspopulistische Stimmen wünschen sich einen eingedämmten Rundfunk. Wenn man in die USA schaut, werden dort die Gelder für PBS und NPR gestrichen. Öffentlich-rechtliche Anstalten werden also in den Vereinigten Staaten angetastet, „von oben“ angegriffen.

Das könnte uns auch in Deutschland passieren, wenn die gesellschaftliche Debatte weiter in die Extreme rutscht. Der Bürger kann sich dann nicht mehr durch ARD, ZDF und DLF informieren. Weil es die dann nicht mehr gibt. Stattdessen werden einem Alternativmedien ins Ohr gesetzt. Diese Zukunft ist in Trumps Presseraum sehr gut erkennbar.

Dabei braucht es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in großer Breite. Es braucht Journalisten, die Fakten prüfen. Und zugleich sich selbst. Einen Journalismus, der durch geschultes Handwerk funktioniert. Gute Strukturen finden sich in den einzelnen Landesrundfunkanstalten. Es benötigt möglichst viele von ihnen, die in Selbstständigkeit agieren, damit der Rundfunk nicht zu einem Propagandakartell verkommt.

Wenn ARD zu AfD wird, kann der freie Journalismus einpacken. Noch schlimmer ist der Gedanke, wenn der Rundfunk völlig aufgelöst wird. Stimmen für die Demokratie, die unliebsam sind, werden dann die Stimmbänder geklaut. Es gab Zeiten in Deutschland, in der der Rundfunk von politischen Extremen missbraucht worden ist. Beispiele sind der „Sender Paul Nipkow“, der in NS-Deutschland ausstrahlte. Oder die DDR-Sendung „Schwarze Kanal“ mit von Schnitzler. Ein ausgewogenes Medienangebot, abgetrennt durch die Politik, kann beides verhindern.

Nur (k)eine Propagandamaschine

Häufig muß sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegen den Vorwurf wehren, unfair zu kommunizieren. Wenn der Rundfunk so einseitig wäre, warum wurde 2022 dann so ausführlich über Patricia Schlesinger berichtet? Sie erinnern sich: Die ehemalige Intendantin des RBB. Sehr umstrittene Personalie. Ein Rundfunk, der so selbstkritisch ist, kann kein Propagandaorgan sein.

Mit dem Fall Schlesinger trat ein zweiter Vorwurf ins Bewußtsein: die Intendanten verdienen zu viel. Das stimmt. Lässt sich aber ändern. Das Geld kann man in andere Stellen des Rundfunks stecken. Fernsehproduktionen zum Beispiel.

Dabei sind deutsche Produktionen so lustlos und langweilig. Wirklich? „Babylon Berlin“ ist ein Welterfolg. Eine „Tatort“-Folge kann an einem Abend bis zu 10 Millionen Menschen erreichen. Das schafft keine Streaming-Plattform. Sendungen wie die ZDF-„Starparade“ oder die „Schwarzwaldklinik“ wurden mehrfach ins Ausland verkauft.

Einen „Grundfunk“, wie ihn die AfD vorschlägt, kann nicht Zukunft von ARD, ZDF und DLF sein. Mit „Grundfunk“ hätten wir niemals Carrell, Frankenfeld und sowieso keinen Rosenthal in unseren Stuben gehabt. Unterhaltung war immer Grund-DNA der Öffentlich-Rechtlichen.

Der Stuttgarter Fernsehturm bei Nacht: 216 Meter hohes Symbol des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Zu links oder zu rechts?

Unklar sind sich die Kritiker der politischen Extreme ja darum, ob die Öffentlich-Rechtlichen nun zu links oder zu rechts geworden sind. Als „Die Sendung über Maus“ über trans* Personen berichtete, wurde die ARD plötzlich einer „linksextremen Agenda“ bezichtigt. Die Sendung „Klar“ war für viele Kritiker jedoch der Beweis, daß die ARD die Stimmung der Rechtspopulisten aufnehme. In der Sendung wurde offen über Migration gesprochen, wenn auch auf umstrittene Weise.

Im Rundfunk sollte über möglichst alles Relevante berichtet werden. Das ist wahrer Pluralismus. Und da sich die Öffentlich-Rechtlichen um diesen Pluralismus bemühen, kann ich einen neutralen Charakter erkennen.

Im Oktober 2024 wurde eine Reform des Rundfunks beschlossen. 3sat fällt weg. ARD-alpha und Phoenix wahrscheinlich auch. Das ist schmerzlich. Hoffentlich bleibt im Rundfunkbeitrag ein Bildungssender und ein Nachrichtensender erhalten. Das 3sat-Programm könnte sich bei Arte wiederfinden. Daß der Kinderkanal in den nächsten Jahren vermehrt ins Digitale umziehen soll, ist mir unverständlich. Kinder sind wahrscheinlich die treuste Zielgruppe des linearen Fernsehens. Richtige Shows wie „1, 2 oder 3“ oder „Die beste Klasse Deutschlands“ zünden hier noch.

Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bleibt ungewiß. Doch es ist wichtig, daß er erhalten bleibt. Wir benötigen in Deutschland vertrauenswürdige Quellen. Ich bin mir sicher, daß der Rundfunk einen sicheren Weg gehen wird. Durch eine Reform in Struktur, Kosten und Beitragspflicht.

Vorschlag der Pluralistischen: Das muss ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk der Zukunft liefern

1. Der Rundfunkbeitrag muss sich am Einkommen orientieren. Es ist eine Hürde für Geringverdiener und Studenten, monatlich 18,36 € zahlen zu müssen. Hier spaltet bereits der Rundfunk.

2. Ein vielfältiges Medienangebot durch alle Sinne sollten die Öffentlich-Rechtlichen gewährleisten. Die Angebote sollten zuhause und unterwegs konsumierbar sein, analog wie digital.

3. Die Trennung des Rundfunks von der Politik. Dadurch kann ein Mißbrauch des Rundfunks vermieden werden. Stattdeßen sollten mehr „einfache“ Bürger in den Rundfunkräten sitzen, schließlich bezahlen diese den täglichen Betrieb. Und vermehrt Vertreter gesellschaftlicher Gruppe, um eine plurale Sicht des Rundfunks zu sicherzustellen.

4. Intendanten der Anstalten sollten höchstens kongruent zur Besoldungsgruppe B4 bezahlt werden – was immer noch sehr hoch ist. Motivation der Intendanten sollte nicht ein gutes Gehalt sein, sondern gutes Programm.

5. Die Unterhaltung soll aus dem Rundfunkangebot nicht gestrichen werden. Die Unterhaltung ist Kern-DNA der Öffentlich-Rechtlichen und muß alle Altersklassen ansprechen. Wie ein Krankenhaus selbstverständlich für alle da ist, so sollte es auch der Rundfunk sein. Deshalb müssen Angebote wie „Funk“, „Kika“ und ein Kultursender bestehen bleiben. Die Öffentlich-Rechtlichen sollen Filme und Serien vermehrt paneuropäisch produzieren.

6. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich als vierte Gewalt im Staate sehen und mehr Investigativjournalismus betreiben. Aber nicht als Monopol, sondern als Gegenangebot zu Privatmedien. Der Rechercheverbund NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung zeigt, daß das geht. Ein Bildungs- und Informationssender wäre dafür notwendig.

7. Die Struktur von ARD, ZDF, DLF und dritten Programmen soll bestehen bleiben. So kann unabhängiger Journalismus gewährleistet werden. Der Rundfunk darf nicht privatisiert werden, wie es im Fürstentum Liechtenstein passiert ist.