Mensch des Jahres 2025: Michel Friedman

Die Pluralistische kührt Michel Friedman zum „Menschen des Jahres 2025“. Der Talkmaster gilt als Stimme für eine wehrhaftige Demokratie.

Bisherige „Menschen des Jahres“ (Stand: 2025), ausgezeichnet durch die Pluralistische
2024: Robin Mesarosch
2025: Michel Friedman

Ein Denker für unsere Zeit

Im letzten Jahr hielt ich ein ganz besonderes Buch in meinen Händen. Es hieß „Judenhass“. In diesem Buch spricht Friedman mit einer klaren und persönlichen Stimme zu uns.

Wir, die zu oft schweigen. Wir, die es nicht geschafft haben, Antisemtismus aus der Welt zu verbannen. Wir, die durch unser Schweigen Antisemitismus bis heute zulassen. Die mutlosen Reaktionen oder Nicht-Reaktionen seit dem 7. Oktober 2023 sind hierbei nur ein Gipfel.

Genau das greift Friedmans Buch auf. Es gibt Klarheit in unsicheren Zeiten. In Zeiten, in denen der Haß wieder Sygagogen brennen sehen will.

Buchenwald, von mir zweimal besucht: Michel Friedman macht klar, dass Antisemitismus längst wieder unter uns ist.

Friedman hat Größe

Wer Friedman sieht und hört, der merkt ganz schnell: Er kann einen Raum füllen. Seine Rhetorik sticht heraus. Friedman benutzt eine einzigartige Sprache, um die heutige Zeit zu versprachlichen. Der 69-Jährige ist für mich eine Respektsperson. Eine Persönlichkeit, die es sonst kaum noch gibt. Und nach der man sonst verzweifelt sucht.

Im Oktober 2024 hielt Friedman eine Rede im Hessischen Landtag. Dabei hat er kein Papier am Rednerpult. Seine Verbundheit zu Oskar Schindler ist dabei so nahhbar. Man muß ihm zuhören, man kann nicht anders.

Anfang 2025 gedenkte der Saarländische Landtag an die Auschwitz-Befreiung. Dabei warnte Friedman vor der AfD. Mit Worten, die ins Fleisch gehen. Dabei verließ der AfD-Fraktionsvorsitzende den Saal. Sehr bezeichnend. Es war der Fraktionsvorsitzende, der mal ein Grüner war.

Und in Hessen rieb sich ein AfD-Abgeordenter weißes Pulver unter die Nase. Ein Signal gegen Friedman. Doch wie kann nicht zustimmen, wenn Friedman spricht: „Nie mehr sollen sich Menschen über andere Menschen erheben dürfen“?

Der Mann im Wohnzimmer

Die Verrohung der Gesellschaft – dagegen wehrt sich der Rechtsanwalt. Seine Eltern und seine Großmutter konnten durch Schindler gerettet werden. Ein Großteil seiner Familie wurde umgebracht. Er ist Sohn polnischer Flüchtlinge. Er weiß, wovor er warnt. Vor einem neuen Aufbruch des Haßes, die keine menschliche Vernunft mehr kennt.

Michel Friedman hatte schon viele Sendungen. Wie „Auf ein Wort“, das von der Deutschen Welle ausgestrahlt wird. Eine Folge aus 2019, die sich um „Sprache“ dreht, ist besonders sehenswert. Was macht denn das Wort „Flüchtlingswelle“ mit uns? Die Menschen sollten mehr Friedman lesen und hören. Das Demokratieforum am Hambacher Schloß wird ebenfalls von ihm moderiert. Es gibt wohl keinen tragenderen Ort, in der über das morgige Schicksal der Deutschen nachgedacht werden kann.

Bye bye, CDU!

Als die CDU im Januar 2025 mit der AfD gemeinsam abstimmt, wurde es Friedman zuviel. Das ehemalige Mitglied des CDU-Bundesvorstands tritt aus der Partei aus. „Diese CDU kann nicht mehr meine sein“ sagte er – und charakterisiert den Zustand der derzeitigen Christdemokraten ziemlich treffend.

Es kann darauf gehofft werden, daß die Gesellschaft Friedmans Sprache mehr zu Herz und Verstand nimmt. Ein nettes Abnicken seiner Worte hat nichts damit zu tun. Die aktuelle Lage in Deutschland kommentiert er so: „Ich glaube, dass es selten eine Zeit in meinem Leben gab, wo es um so viel ging“.

Zweimal habe ich Buchenwald besucht. Eine Schrift meines 16-jährigen Ichs ist in Buchenwald archiviert. Wie oft soll der Glockenturm noch schlagen, daß wir Menschen Menschlichkeit verstanden haben? Friedman hat sich den Titel „Mensch des Jahres“ verdient gemacht.